Die notwendige Einbeziehung der Eltern in die Intervention bei Sprachverständnis-Störungen

Da es inzwischen viele normierte und standardisierte Testverfahren gibt, lassen sich Sprachverständnis-Störungen im Kindesalter gut diagnostizieren. Dennoch stehen Sprachverständnis-Störungen immer noch nicht ausreichend in Mittelpunkt von Diagnostik und Sprachtherapie. Da eine Sprachverständnis-Störung gravierende Folgen für Kinder wie Gesprächspartner haben kann, sollten die Fähigkeiten im Sprachverstehen standardisiert erfasst werden und eine logopädische Intervention so früh wie möglich stattfinden. Eine Sprachverständnis-Störung wird von der ICD-10 (Instrument zur Klassifikation von Krankheiten) als eine umschriebene Entwicklungsstörung definiert, bei der das Sprachverständnis des Kindes unterhalb des bezüglich des Intelligenz- und Entwicklungsalters zu erwartenden Niveaus liegt. Sprachverständnis-Störungen treten in den seltensten Fällen alleine auf, da in fast allen Fällen auch die expressive Sprache beeinträchtigt ist. Sechs bis acht Prozent der Vorschulkinder leiden unter einer Sprachentwicklungsstörung (SES). Ein Drittel dieser Kinder zeigen neben expressiven Sprachentwicklungsstörungen auch rezeptive Sprachverständnisprobleme. Störungen im Sprachverständnis kommen bei Jungen häufiger vor als bei Mädchen. Bei 40% der Kinder mit einer Sprachentwicklungsstörung ist mindestens einer weiterer Fall einer SES in der näheren Verwandtschaft aufgetreten, sodass man von einer genetischen Veranlagung (familiären Häufung) ausgehen kann. Kinder mit SES haben Defizite in der Sprachverarbeitung und können Mechanismen des Spracherwerbs weniger wirkungsvoll nutzen als andere Kinder. Ein Umfeld, das die Sprache des Kindes frühzeitig und zielgerichtet fördert, kann dem aber entgegenwirken. Mehrsprachiges Aufwachsen muss nicht Ursache einer Sprachverständnis-Störung sein, sondern es kann sich beim Kind auch um allgemein schlechte Sprachverarbeitungsfähigkeiten handeln, sodass es sowohl in der Erst- als auch in allen weiteren Sprachen Probleme im Sprachverständnis hat. Anzeichen einer Sprachverständnis-Störung können schon im Säuglingsalter sichtbar sein. Betroffene Kleinkinder zeigen an Kommunikation und Sprache wenig Interesse, haben einen verspäteten Sprechbeginn, ihr Wortschatz nimmt nur langsam zu und sie orientieren sich mehr an Mimik/Gestik. Oft produzieren diese Kinder lange, satzähnliche, prosodisch unauffällige, aber unverständliche Äußerungen („Jargonsprache“). Im Kindergarten- und Vorschulalter fallen sie durch einen geringen Wortschatz, Passe-Partout-Wörter (z.B. „Dings“), stereotype Frage- und Antwortsätze, Ja-Sage-Tendenz (Gibt nur vor, das Gesagte zu verstehen), Fehler im Satzbau, starre Satzmuster und wenig Interesse am Hören von Geschichten auf. Auch im Schulalter zeigen die Betroffenen noch immer Wortschatzdefizite und einen einfachen, stereotypen Satzbau. Bei der Ausführung von Aufträgen orientieren sie sich an anderen Kindern und nutzen lieber nur die mit bloßem Auge sichtbaren Hinweisreize. Kinder mit Sprachverständnis-Störungen leiden häufiger an emotionalen Störungen, Verhaltensstörungen und allgemeinen Lernschwierigkeiten als Kinder ohne Sprachentwicklungsstörungen oder als Kinder mit einer rein expressiven Sprachproblematik. Fängt das Kind erst spät zu sprechen an (erst nach dem 18.Lebensmonat)? Zeigt es deutliche expressive Sprachprobleme in jedem Alter? Hat es Auffälligkeiten in mehreren Entwicklungsbereichen? Zeigt es allgemeine Schulleistungsprobleme oder Verhaltensauffälligkeiten? Hat es Schwierigkeiten im Schriftspracherwerb oder bei Textaufgaben? Trifft mindestens einer dieser Punkte zu, sollte eine umfassende diagnostische Abklärung des Sprachverständnisses durchgeführt werden. Wie sieht das diagnostische Vorgehen zur Abklärung einer Sprachverständnis-Störung aus ?

1. Pädaudiologische Untersuchung (Ausschluss einer Hörstörung)

2. Entwicklungsneurologische Untersuchung sowie Durchführung eines standardisierten Entwicklungstests (Abklärung einer allgemeinen Entwicklungsverzögerung)

3. Logopädische Anamnese ( Sprechbeginn ? Verhaltensweisen ?)

4. Altersabhängige Auswahl eines standardisierten Tests zur Erfassung des Sprachverständnisses auf den verschiedenen Sprachebenen (Wörter und ihre Bedeutung, Sätze, Laute usw.)

Was gibt es an Therapiekonzepten zur Verbesserung des Sprachverständnisses ? In einer RCT-Studie von Motsch&Marks (2014) zeigte sich eine deutliche Verbesserung des Satzverständnisses bei Kindern, welche die Therapie „Wortschatzsammler“ erhielten. Eine intensive Beratung und Anleitung der Eltern und anderer Bezugspersonen zu einem bewusst sprachförderlichem Verhalten in der Interaktion mit dem Kind (Zuhause oder in Kindergarten/Schule) haben sich ebenfalls als effektiv erwiesen. Das „Heidelberger Elterntraining zur frühen Sprachförderung“ ist eine elternzentrierte Intervention, deren Wirksamkeit empirisch belegt wurde und sich auch für Eltern von Late Talkern mit rezeptiven Sprachdefiziten sehr gut eignet. Daneben gibt es weitere Formen der Zusammenarbeit mit Eltern von Kindern mit Kommunikations- und Sprachdefiziten, aber ohne Wirksamkeitsnachweis. Noch existiert keine Intervention, in der gezielt die Bedürfnisse der Eltern eines Kindes mit Sprachverständnis-Störung, im Mittelpunkt stehen. Denn verunsicherte Eltern müssen über dieses Störungsbild aufgeklärt werden und auch die Bedeutung des Sprachverständnisses für die weitere Entwicklung muss ihnen erklärt werden. Der Heidelberger Elternworkshop zum Thema „Sprachverständnis“ (in logopädischen Praxen oder auch anderen Settings durchführbar) dient der intensiven Beratung sowie Anleitung der Eltern von Kindern, bei denen eine Sprachverständnis-Störung festgestellt wurde. Ziele: Aufklärung der Eltern über das Störungsbild (z.B. Entstehung, Symptome usw.), Stärkung der Eltern in ihren Kompetenzen im sprachlichen Umgang mit dem Kind, Vermittlung praktischer Strategien zur Förderung des Sprachverstehens im Alltag, Vergrößerung des aktiven und passiven Wortschatzes sowie Verbesserung des Satzverständnisses und der Satzproduktion, Vermeidung von Sekundärstörungen im emotionalen und sozialen Bereich sowie im schulischen Lernen.

Um erfolgreiche Kommunikationssituationen auch im Alltag zu schaffen, die Sprachentwicklung des Kindes bestmöglich zu fördern und zur Vorbeugung von Begleit- und Folgesymptomen, ist eine Einbeziehung der Eltern und weiterer Bezugspersonen in die logopädische Therapie also notwendig.

 

(Falko Dittmann, Dr. Anke Buschmann, S. 14-20 im Forum Logopädie, März 2019)

 

Zugriffe: 319