Das logopädische Puppenspiel zur Förderung von Gebärden und lautsprachlichen Äußerungen bei Menschen mit Behinderung

Der Psychologe Jacob Levy Moreno (1892-1974) stellte durch Beobachtungen fest, dass Kinder durch das Puppenspiel ihre inneren Bewegungen und Emotionen leichter und besser auf einer „äußeren Bühne“ ausspielen können als im regulären Rollenspiel. Aus diesem Grund etablierte er das therapeutische Puppenspiel als effektives Heilmittel. Psychologin Dr. Gudrun Gauda wendet das therapeutische Puppenspiel in der Praxis an und meint, dass vor allem Kinder und Erwachsene mit geistiger Behinderung oft nicht mit Worten artikulieren können (weil ihnen die Wörter dazu fehlen oder weil ihre Probleme verdrängt oder verschüttet sind), was sie gerade beschäftigt. Neben der Kommunikationsförderung bietet die Puppenfigur dem Kind auch Identifikationsmöglichkeiten und einen gewissen Schutz. In der logopädischen Behandlung von Kindern oder Jugendlichen mit Trisomie 21, Autismus, Sprach- und Entwicklungsstörungen eignen sich Figuren (z.B. rotes Teufelchen oder grüner Drache) zur Förderung der sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten sehr gut. Fallbeispiel: Die zwölfjährige Vanessa hat eine spastische Zerebralparese (Lähmung durch eine Hirnblutung bei der Geburt; Beeinträchtigung der Bewegungsfähigkeit durch ein gestörtes muskuläres Zusammenspiel). Ihre motorischen (aktive Körperbewegungen) Schwierigkeiten sind mittelstark ausgeprägt („staksig“). Vanessa hüpft und rennt trotzdem gerne (aber sie zieht dabei ein Bein nach). Sie kann einen Stift halten und mit Impulshilfen z.B. Dinge vom Boden aufheben. Die Grundbeweglichkeit in ihrem Oberkörper ist also gut. Sie hat eine Sehschwäche (Nystagmus, sekundärer Strabismus, Opticusatrophie) und trägt deshalb eine Brille. Trotzdem ist sie in der Lage, gezeichnete Bilder und Fotos zu erkennen, sogar auf einer Talkeroberfläche (Treffsicherheit liegt hier bei 50%). Sprachverständnis und Kommunikation entsprechen aber dem Stand eines jungen Kindergartenkindes. Vanessa kommuniziert über einige, manchmal unverständliche Gebärden. Sie reagiert langsam und ist oft passiv-abwartend. Ihre Stärken: Ihr situatives und erinnerndes Sprachverständnis und ihr großes sozial-emotionales Interesse an anderen Kindern. Seit Sommer 2017 besucht Vanessa die 5. Klasse einer Tagesbildungsstätte in Niedersachsen für Kinder mit Förderschwerpunkt geistige Entwicklung und sie erhält zweimal wöchentlich ambulante Logopädie. In der pädagogischen Förderung sollen Botschaften der Kinder wahrgenommen und genau erkannt werden. Denn alle (körperbehinderten) Kinder senden Bewegungs- und Verhaltenssignale aus, die als Suchbewegungen auf individuelle oder aktuelle Entwicklungsschritte hinweisen, die unterstützt werden sollen. Zu den Lernzielen zählt die Identitätsfindung (Selbstfindung, Ich-Bewusstsein) des Kindes: Es geht darum (auch körperlich) eine gemeinsame Sprache und einen gemeinsamen Kommunikationskanal zu finden mit einer Abgrenzung zum Anderen. Die Entwicklung des symbolischen Verhaltens und die Identitätsfindung können durch das offene Rollen- und Figurenspiel gefördert werden. Beispielsweise kann das „weiße Häschen“ immer wieder auf Reaktionen von Vanessa geduldig warten. Das Puppenspiel funktioniert nach Theatergesetzen in kleinen Schritten: Blick – Atem – Neigung/Bewegung - Laute/Worte/Text. Blickbewegungen (Kommunikation, Analyse, Verbindung zur Welt) können bei schwer körperbehinderten Kindern auch Körperbewegungen ersetzen. Das Puppenspiel regt auch das visuell-motorische (über aktive Körperbewegungen und das Sehen) Lernen an. Vanessa wurde wiederholt ein Kinderbuch vorgelesen, in dem ein naives Häschen den Wolf besiegt. Während der Therapeut eine Szene selber nachspielte, reagierte Vanessa mit freudigem Schrecken, mimischer Überraschung und wachsendem Interesse. Danach suchte sie auch weiterhin Kontakt und Berührung (weiches Fell) mit der Handpuppe im Zylinder. Später gesellte sich auch ihre Mutter oder ein Mitschüler zum gemeinsamen Rollenspiel. Durch Beobachtungen, Fragen, flexible Angebote, wechselnde Themen der Spielhandlung und geduldiges Ausprobieren kann sich um die Figur ein emotional stabiles Beziehungsgeflecht zum Patienten entwickeln. Das liebe, schutzbedürftige, neugierige Häschen ist nonverbal, agiert über Körper- sowie Gebärdensprache und ist somit für Vanessa eine „Seelenverwandte“.

 

Phase 1: Über das Begrüßen und Schmusen mit dem Häschen lernt Vanessa Sozialkontakte zu unterscheiden. Mit der Äußerung „Gib mir...“ übt sie aktiv Hilfe einzufordern. Der Therapeut verbalisiert, was Vanessa mit ihren Gebärden auszudrücken versucht (z.B. Wünsche oder Aufforderungen). Auch die Gebärdensprache des Häschens wird vom Therapeut oder Kind erkannt und übersetzt.

 

Phase 2: Vanessa soll mit Trommel, Rassel , Mundharmonika und Flötenspiel in Folge das schlafende Häschen aufwecken. Nur mit einer Belohnung (Schmusen und Körperkontakt mit dem Hasen) ist Vanessa zu mundmotorisch - artikulatorischem Üben bereit. Über den Rhythmus wird Vanessa zu eigenem Lautieren und Geräusche machen (dient auch als Verständigungsmittel) ermutigt.

 

Phase 3: Vanessa macht mit dem Häschen Musik und übt die Gegensätze frech-lieb, laut-leise usw. zu unterscheiden und über Gebärdensprache auszudrücken.Dann muss Vanessa Gegenstände (z.B. ein Häschen), welche die Therapeutin zuvor versteckt hatte, im Raum suchen und wiederfinden (z.B. im Schrank oder auf dem Tisch). Auch Duplo-Platten in den Farben rot, gelb und grün soll die Patientin nach Aufforderung durch die Therapeutin („Die gelbe Platte liegt auf dem Spiegel“) finden, sodass Präpositionen rezeptiv (über das Verstehen) geübt werden können. Ein Blatt mit z.B. aufgemalten Eiern zeigt Vanessa an, welche im Raum versteckten Rassel-Eier sie finden muss, um das weinende Häschen wieder glücklich zu machen.

 

Beim feinmotorischen Duplo-Turmbau kann sich Vanessa frei für eine bestimmte Farbe und Bauposition entscheiden, sodass hier Präpositionen auch expressiv gefördert werden können.

 

Phase 4: Kinder aus der Klasse kommen zu Besuch und spielen abwechselnd das Zylinderhäschen. Ziel: Die im Puppenspiel erarbeiteten Fähigkeiten sollen in den Schulalltag und auf das soziale Miteinander übertragen werden.

 

Förderresultate: Im Verstehen und Einstellen auf eine neue veränderte Spielsituation mit dem Häschen ist Vanessa viel sicherer geworden und zeigt auch eine stärkere Konzentration. Im motivierenden Spiel mit dem nicht sprechenden, aber gebärdenden Häschen hat sie ebenfalls gelernt Handlungsaufträge („Tür zu“) schneller umzusetzen und über Gebärden eigene Wünsche und Gefühle direkter zu äußern. Auch in der Spontansprache benutzt Vanessa jetzt vermehrt und situationsangemessen auch andere Gebärden (wie Verben, Adjektive oder Aufforderungen). Nach dem Instrumentenspiel beginnt sie nun zu Lautieren und zeigt auch beim Bauen mehr Ausdauer. Als nächsten Schritt (Tranfer von Therapiestunde zu Schule und Familienalltag) könnte jetzt Vanessa's Talker zum Einsatz kommen, in welchen Häschen-Situationsbilder (z.B. Präpositionen, Lieblingsaktivitäten) großflächig eingestellt und sowohl in der Schule als auch Zuhause als Verständigungsmittel genutzt werden.

 

(„Vanessa und das weiße Häschen“ von Herbert Lange im Forum Logopädie S.18-23 vom Juli 2018)

 

 

 

 

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