Die Verbesserung der Sprachverarbeitung durch eine regelmäßige Aktivierung motorischer und sensorischer Gehirnareale

Bei ca. einem Drittel aller Schlaganfälle kommt es zu einer Aphasie (zentrale Sprachstörung, die das Sprechen, Verstehen, Lesen oder Schreiben schwer beeinträchtigen kann), die oft zu einer Störung der sozialen Interaktion und Integration führt.Die neurowissenschaftliche und neuropsychologische Forschung beschäftigt sich seit Jahren mit der Interaktion des motorischen und des sprachlichen Systems. Verschiedene Studien mit funktioneller Magnetresonanztomographie haben gezeigt, dass bei der Sprachverarbeitung neben den klassischen Spracharealen (Broca- und Wernicke-Areal) auch noch andere Gehirnareale aktiv sind, die in engem Zusammenhang mit der Bedeutung von Wörtern stehen. Bei Bewegungswörtern (Verben wie „kauen“, „treten“, „klatschen“ oder Nomen wie Werkzeugnamen) zeigt sich auch eine Aktivierung der Gehirnareale, die für die Motorik ( Ausführungen von Bewegungen) zuständig sind. Beim Lesen oder Verstehen von Bewegungsverben des Fußes (z.B. treten) ist eine anderes Aktivierungsmuster erkennbar als bei Bewegungsverben der Hand (z.B. klatschen). Parkinsonpatienten leiden neben Rigor (Muskelsteifheit), Tremor (zittern) und Akinese (Bewegungsarmut oder Bewegungslosigkeit) auch unter Sprech- und Schluckstörungen. Sie zeigen ebenfalls Defizite in der Sprachverarbeitung (eine nur langsame Verarbeitung von Bewegungswörtern). Aber nach einer L-DOPA-Gabe (medikamentöse Therapie des Idiopathischen Parkinsonsyndroms) kommt es nicht nur zu Verbesserungen in der Motorik, sondern auch zu Verbesserungen von Sprachleistungen. Es gibt nicht nur eine Interaktion zwischen dem sprachlichen und dem motorischen System, sondern auch eine zwischen dem sprachlichen und dem sensorischen System. Bei der Verarbeitung von Geräuschwörtern ( z.B.Telefon), visuellen Eindrücken (z.B. Farben) oder Gerüchen (z.B. Gewürzen) entsteht auch eine Aktivierung der entsprechenden sensorischen Areale im Gehirn. Da es durch eine Aktivierung der motorischen Areale im Gehirn zu Verbesserungen in der Sprachverarbeitung kommt, kann diese Verzahnung in der Aphasietherapie auch genutzt werden. Durch aktive Bewegungsausführungen, Beobachtungen von Bewegungen (z.B. Videoausschnitte, die das „Klatschen“ oder „Tanzen“ zeigen) oder nur durch die Vorstellung von Bewegungen können motorische Areale im Gehirn aktiviert werden. In der Physiotherapie wird die „Bewegungsbeobachtung“ zur Verbesserung motorischer und neurologischer Leistungen bereits genutzt. In ersten Studien hat sich gezeigt, dass „Bewegungsbeobachtung“ auch sprachliche Leistungen bei Aphasikern fördern kann. Aphasiker zeigten nach der „Bewegungsbeobachtung“ einen verbesserten Wortabruf bei Verben.

 

 

(Quelle: Nina Heck im Forum Logopädie S.18-21, Juli 2017) 

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